Der mähfreie Mai ist geschafft, und wir klopfen uns auf die Schulter, dass wir etwas für all die Lebewesen getan haben, die den Mai in einer intakten Wiese brauchen. Nur stellt sich nun die Frage: Wie geht es mit dieser Fläche weiter, die seit Jahresbeginn wächst?
Einfach runtermähen und dann eine gelbe Wüste in die Sommerhitze entlassen?
Gepflegt heißt kurzgemäht: ein Irrtum, der sich hartnäckig hält
Es gibt dieses merkwürdige Paradox im Umgang mit Grünflächen. Im Urlaub spazieren wir durch wiegende Gräser, fotografieren Wiesenpflanzen und finden das alles wunderschön, lebendig, irgendwie befreiend.
Zu Hause soll dann alles raztekahl sein. Der Nachbar mäht, also mähen wir auch. Wenn was am Rand noch hoch steht, gilt es als ungepflegt, als Zeichen mangelnder Sorgfalt, vielleicht sogar als Rücksichtslosigkeit gegenüber der Nachbarschaft. „Wie kann man nur!“
Das Urlaubsgefühl vor wiegenden Gräsern und die Erwartung an den eigenen Garten könnten weiter nicht auseinander liegen. Dabei wäre es doch naheliegend, sich etwas davon nach Hause zu holen. Und erhlich gesagt, ist es auch gar nicht so schwer.
Durch Zufall bin ich auf diese wunderschöne Illustration von Desiree gestoßen: Sie zeigt, wie viel Lebensraum eine Wiese schenkt – und warum wir sie auf keinen Fall nach einem mähfreien Mai auf 3 cm kürzen sollten!

Denn was gerade in einer ungemähten Wiese passiert, ist alles andere als Nichts: Blühpflanzen haben sich entwickelt, Insekten haben Strukturen zum Fressen, Ablegen und Überwintern gefunden, viele Pflanzen stehen mitten in der Samenreife oder kurz davor. Diese Fläche hat im Mai mehr geleistet als ein kurzgehaltener Rasen in einem ganzen Jahr. Und genau das sollte das Mähen jetzt berücksichtigen.
Warum das WIE beim Mähen jetzt mehr zählt als das WANN
Es gibt keine universell richtige Antwort auf die Frage, wann genau nach dem mähfreien Mai gemäht werden soll. Das hängt davon ab, was auf der Fläche steht, wie trocken oder feucht die Wochen waren und was man langfristig mit der Fläche vorhat. Aber das Wie, also mit welchem Gerät, auf welche Höhe und was danach mit dem Schnittgut passiert, ist in fast allen Fällen entscheidend.
Die wichtigste Regel zuerst: Die Schnitthöhe sollte nicht unter zehn Zentimetern liegen, besser zwölf bis fünfzehn. Wer tiefer mäht, entfernt die Pflanzenmassen und zerstört auch die bodennahen Strukturen, in denen viele Insekten in diesem Moment noch leben. Und er legt den Boden frei.
Die meisten denken darüber nicht nach, ich weiß. Aber jetzt kommt der Sommer, meistens ist er eher warm und trocken. Ein kurzgemähter Boden ohne Pflanzendecke heizt sich in der Sonne innerhalb weniger Stunden auf, trocknet massiv aus und verliert die Fähigkeit, Wasser zu halten. Wer in der Nachbarschaft oder auf öffentlichen Grünflächen beobachtet, wie der vorderste Streifen am Straßenrand nach dem Mähen aussieht, während dahinter noch die Wiese steht, sieht diesen Unterschied buchstäblich: vorne gelb, trocken, verdichtet (und vermüllt) und hinten Leben. Mit zunehmenden Hitzeperioden wird dieser Unterschied noch deutlicher. Eine hohe Vegetation schützt den Boden, puffert Temperaturextreme und hält Feuchtigkeit. Das ist Klimaanpassung im kleinsten Maßstab. Und ganz ehrlich: Wie dringend brauchen wir rappelkurz gemähtes Grün?



Der Mulchmäher: praktisch, aber mit Konsequenzen
Viele greifen jetzt zum Mulchmäher, und das aus nachvollziehbaren Gründen. Er ist bequem, das Schnittgut muss nicht weggeräumt werden, und er gilt irgendwie als umweltfreundlich, weil nichts weggeworfen wird. Das stimmt, aber nur teilweise.
Was beim Mulchen wirklich passiert, zeigt eine Studie der Universitäten Hohenheim und Tübingen: Herkömmliche Mähtechnik, und der Mulchmäher gehört dazu, tötet zwischen 29 und 87 Prozent der Insekten und Spinnen auf der gemähten Fläche. Spektrum der Wissenschaft hat das ausführlich beschrieben. Die rotierenden Klingen erfassen alles, was sich in der Vegetationsschicht aufhält und nicht schnell genug fliehen kann. Eier, Larven, Puppen, langsam bewegliche Käfer, Spinnen. So funktioniert diese Technik und hat mit umweltschonendem Arbeiten nichts mehr zu tun!
Dazu kommt ein zweites Problem: Das zerkleinerte Material bleibt auf der Fläche und verrottet dort. Für eine artenreiche Wiese ist das ungünstig, weil dabei Nährstoffe freigesetzt werden, die nährstoffliebende Gräser und Pflanzen bevorzugen. Wer eine magere, blütenreiche Wiese aufbauen oder erhalten möchte, braucht das genaue Gegenteil, nämlich Nährstoffentzug durch das Abräumen des Schnittguts.
Der Balkenmäher oder die Sense sind in dieser Hinsicht deutlich besser, weil sie schneiden statt zu schreddern. Wer keinen Balkenmäher hat, kann auch mit dem normalen Rasenmäher bei hoher Schnitthöhe mähen, sofern das Schnittgut anschließend von der Fläche entfernt wird.
Wenn du statt des Mulchmähers zur Sense greifen möchtest, dann schau dich mal bei Jens um. Seit 2021 mäht er mit der Sense und hat eine tolle Blogserie dazu geschrieben!
Schnittgut liegen lassen oder kompostieren?
Das Schnittgut abzuräumen klingt nach Mehraufwand, ist aber der entscheidende Schritt für die Entwicklung einer artenreichen Fläche. Es reicht, das Material einige Tage liegen zu lassen, damit Insekten, die durch den Schnitt aufgeschreckt wurden, in die verbliebene Vegetation oder in den Boden zurückfinden können. Danach sollte es weg.
Wohin damit? Der Kompost ist eine sehr gute Option, auch wenn das Schnittgut Samen enthält. Wer seinen Kompost richtig aufbaut und führt, erreicht Temperaturen, bei denen die meisten Samen ihre Keimfähigkeit verlieren. In meinem Kompost-Workshop zeige ich Schritt für Schritt, wie das geht, auch für Menschen, die noch nie ernsthaft kompostiert haben. Und ja, aus Samen dürfen da rein. Wir lassen nämlich nicht die Zeit spielen sondern die Hitze.
Eine weitere Möglichkeit ist eine Zwischenlagerung an einer Randfläche als locker aufgeschichteter Haufen. Auch das hat einen ökologischen Wert, weil solche Haufen Unterschlupf für Igel, Eidechsen und eine ganze Reihe von Insekten bieten, nur haben wir von dort aus ein Aussamungsthema.
Für Mulch ist dieses Schnittgut wegen der Samen kaum zu empfehlen.
Wie oft weiter mähen? Eine Einordnung im Jahresverlauf
Nach dem Juni stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Auch hier gibt es keine starre Regel, aber eine bewährte Orientierung: Eine zweite Mahd im Spätsommer, also zwischen Ende August und Mitte September, macht für die meisten naturnahen Wiesenflächen Sinn. Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Pflanzen ihre Samen gebildet und verteilt, und viele Insekten haben ihre Entwicklungszyklen abgeschlossen oder befinden sich in Stadien, in denen sie weniger verletzlich sind.
Zwischen der Junimahd und der Spätsommermahd sollte die Fläche Ruhe bekommen. Kein Nachschneiden, kein Aufräumen und keine gut gemeinten Eingriffe, weil die Nachbarn das so wollen.
Was über den Winter stehen bleiben darf, nämlich Altgrasstreifen, Randstreifen, einzelne Staudenstängel, ist das, was viele Insekten zum Überwintern brauchen. Darüber habe ich in meinem Artikel zum naturnahen Gärtnern schon ausführlicher geschrieben.
Was stehen bleiben darf und warum das eine Entscheidung ist
Ein Gedanke noch zum Abschluss, weil er in der Praxis oft unterschätzt wird: Nicht die gesamte Fläche muss auf einmal gemäht werden. Wer die Möglichkeit hat, lässt Randstreifen oder einen Teil der Fläche stehen, entweder dauerhaft oder zumindest bis zur Spätsommermahd. Das erhöht die Strukturvielfalt auf kleinstem Raum erheblich und schafft Übergänge zwischen gemähten und ungemähten Bereichen, in denen besonders viel passiert.
Das eine fachliche Entscheidung, und sie lohnt sich. Schließlich ist Garten ein Prozess. Immer!
Zu guter Letzt
Der mähfreie Mai ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein Einstieg in eine andere Art, mit der eigenen Fläche umzugehen. Was danach kommt, zählt genauso, der Garten ist immer in Bewegung. Das Gerät, die Schnitthöhe, das Schnittgut, die Intervalle und das bewusste Stehenlassen von Teilflächen sind das Wesentliche in diesem Prozess. Wer das versteht, mäht anders als vorher, und das verändert, was im Laufe der Jahre auf der Fläche wächst und lebt. Im Optimalfall wird dadurch Leben in den Garten eingeladen.

