Gehölzschnitt im Frühsommer

Es ist Frühsommer, die Hecken blühen oder sind gerade am Verblühen, und irgendwo im Kleingarten nebenan läuft bereits die Heckenschere. Es wird in Form geschnitten, was es nur so geht.

Viele haben sich bis Ende Februar an die Schnittzeiten gehalten und die Hecken ab da in Ruhe gelassen. Jetzt kommt die nächste Welle.

Vielleicht hast du die Brut- und Setzzeiten im Kopf und weißt: Das ist eigentlich nicht erlaubt. § 39 BNatSchG verbietet zwischen dem 1. März und dem 30. September das Auf-den-Stock-Setzen und starke Rückschnitte an Gehölzen. Der genaue Wortlaut: „Es ist verboten, Bäume, die außerhalb des Waldes, von Kurzumtriebsplantagen oder gärtnerisch genutzten Grundflächen stehen, Hecken, lebende Zäune, Gebüsche und andere Gehölze in der Zeit vom 1. März bis zum 30. September abzuschneiden, auf den Stock zu setzen oder zu beseitigen; zulässig sind schonende Form- und Pflegeschnitte zur Beseitigung des Zuwachses der Pflanzen oder zur Gesunderhaltung von Bäumen.” (§ 39 Abs. 5 BNatSchG)

Genau dieser zweite Satz ist die Hintertür, durch die viele schlüpfen: Schonende Form- und Pflegeschnitte sind erlaubt, und das wird im Alltag großzügig ausgelegt. Wer seine Hecke im April kräftig in Form bringt, nennt es Pflegeschnitt und fühlt sich auf der sicheren Seite.

Das Gesetz schützt in erster Linie Vögel und Säugetiere, die in dieser Zeit brüten und ihre Jungen aufziehen. Das ist wichtig und richtig. Aber es gibt einen Rhythmus, der dabei nicht berücksichtigt wird: den der Insekten.

Zwei Rhythmen, eine Hecke

Vögel brüten im Frühjahr und Sommer, das ist bekannt, und das Gesetz orientiert sich daran. Insekten funktionieren anders. Viele von ihnen haben ihre Eier bereits im Herbst oder Winter an Zweige, in Markstängel oder in Rindenspalten abgelegt. Wenn wir im Mai/Juni die Heckenschere Heckenschere auspacken, sind diese Eier immer noch da, die Larven teils schon auf dem Weg. Ein Schnitt trifft die Insekten jetzt mitten in der Entwicklung(wenn sie nicht schon im Februar abgeschnitten wurden…)

Das ist die ökologische Lücke, die wir irgendwie nicht auf dem Schirm haben – auch nicht, wenn wir an Insektensterben denken. Da geht der erste Gedanke an die Landwirtschaft…

Dabei sind wir mit dem Hecken schneiden (vor allem im Winter ziemlich weit vorne mit dabei. Es fällt uns halt nicht auf, denn niemand sieht Insekteneier an einem Zweig. Niemand sieht die Brutzellen einer Mauerbiene im Inneren eines Holundertriebs. Aber sie sind da, und ein Schnitt im entscheidet darüber, ob aus ihnen ein Tier wird oder nicht.

Der 24. Juni

Der Johannistag, der 24. Juni, ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Datum. Jetzt sind die kritischsten Entwicklungsphasen der meisten Insektenarten an Gehölzen abgeschlossen. Ein Schnitt nach Johanni ist ökologisch wesentlich verträglicher als einer im Februar oder Mai, auch wenn das Gesetz beides unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Es gibt halt keine Optimallösung.

Welche Insekten in welchen Sträuchern leben

Jetzt kommt ein kleiner Überblick von Insekten, die sich über einen späteren Rückschnitt freuen.

Schlehe (Prunus spinosa)

Die Schlehe ist einer der wertvollsten Sträucher für Insekten im Kleingarten, und gleichzeitig einer der am häufigsten zu früh geschnittenen. An ihren Zweigen und in den Astgabeln überwintern die Eier gleich mehrerer Zipfelfalterarten.

Der Kleine Schlehen-Zipfelfalter (Satyrium acaciae) legt seine Eier mit einer wolligen Schutzhülle direkt in die Astgabeln. Der Pflaumen-Zipfelfalter (Satyrium pruni) macht dasselbe. Der Nierenfleck-Zipfelfalter (Thecla betulae) legt seine Eier an Knospenansätze und Zweiggabelungen. All diese Eier überwintern dort und schlüpfen erst im Frühjahr, wenn die Schlehe austreibt. Ein Schnitt im März, April oder Mai bedeutet, dass diese Eier in den Häcksler wandern.

Zipfelfalter sind übrigens keine häufigen Schmetterlinge. Sie sind klein, unscheinbar und in vielen Regionen rückläufig. Ihre Bindung an bestimmte Sträucher ist eng und leider haben sie keine Alternativpflanzen.

Weißdorn (Crataegus spp.)

Auch der Weißdorn ist Lebensraum für den Nierenfleck-Zipfelfalter (Thecla betulae), der seine Eier an die Zweige legt. Wer Weißdorn im Frühjahr oder frühen Sommer schneidet, trifft dieselben Arten wie bei der Schlehe.

Holunder (Sambucus nigra), Brombeere und Himbeere (Rubus spp.)

Diese drei Gehölze verbindet ein gemeinsames Merkmal: ihre Triebe haben ein weiches, markiges Inneres. Genau das suchen mehrere Wildbienenarten, um ihre Brutzellen anzulegen.

Die Schwarzspornige Stängelmauerbiene (Osmia leucomelana) und die Gelbspornige Stängelmauerbiene (Osmia claviventris) nagen sich in abgestorbene oder angeschnittene Triebe dieser Pflanzen, legen Brutzellen an, füllen sie mit Pollen und Nektar und verschließen sie. Die Keulhornbiene (Ceratina spp.) bevorzugt besonders waagrecht liegende Holunderstängel.

All das passiert ab März bis in den Juni hinein. Ein Schnitt in dieser Zeit zerstört diese Brutzellen mitsamt Proviant und Ei. Die Bienen legen nicht einfach woanders neu an.

Wildrose (Rosa spp.)

Wer Wildrosen im Garten hat, kennt vielleicht die kreisrunden Ausschnitte in den Blättern. Das ist das Werk der Blattschneiderbiene (Megachile centuncularis), die diese Blattstücke zu Brutzellen zusammenrollt und in Hohlräumen ablegt, unter anderem in angeschnittenen Rosenästen. Frühe Brutansätze entstehen ab Mai. Ein Schnitt in dieser Zeit trifft sie direkt.

Liguster und Hartriegel

Hier geht es weniger um Eiablage als um Überwinterung. Florfliegen (Chrysoperla carnea) verbringen den Winter als fertige Insekten im dichten Geäst dieser Sträucher und sind bis in den Mai teils noch in einer Art Kältestarre. Ein Schnitt im Frühsommer holt sie buchstäblich heraus. Florfliegen sind wichtige Nützlinge, ihre Larven fressen Blattläuse in erheblicher Zahl.

Was das im Kleingarten bedeutet

Diese Zusammenhänge lassen sich alle nicht per Aushang oder Paragraf durchsetzen. Was hilft, ist Wissen, das man weitergeben kann. Und jetzt weißt du ein bisschen mehr.

Wer weiß, dass in dieser Schlehe gerade Zipfelfalter-Eier hängen, schneidet anders als jemand, der nur eine unordentliche Hecke sieht. Wer versteht, dass der Holunder mit seinen alten Trieben als Brutplatz für Mauerbienen dient, lässt vielleicht den einen oder anderen Zweig stehen, auch wenn er nicht mehr ganz frisch aussieht.

Der naturnahe Garten braucht kein Chaos. Er braucht ein bisschen Kenntnis darüber, was gerade in ihm passiert. Dann ergibt sich vieles von selbst.

Wenn du mehr darüber lesen möchtest, wie ein Garten als Lebensraum funktioniert, findest du in meinem Artikel über naturnah gärtnern eine ausführlichere Einordnung. Wer wissen möchte, wie es nach dem mähfreien Mai mit der Wiesenfläche weitergeht, findet das im Artikel zum Mähen nach dem mähfreien Mai.


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