Ein Naturgarten ist keine Wildnis

Wie eine Idee aus der Renaissance uns heute helfen kann, Gärten besser zu verstehen

Viele Menschen sprechen heute vom Naturgarten uns versuchen, ihren Garten möglichst „natürlich“ zu gestalten. Doch was bedeutet das eigentlich genau?

In meinem Artikel über naturnah gärtnern ohne Druck beschreibe ich ausführlicher, warum ein Garten nicht geschniegelt oder besonders wild aussehen muss, um ökologisch sinnvoll zu sein.

Der Begriff „naturnah“ taucht in Gartenbüchern, in Social Media und auf Verpackungen von Saatgutmischungen auf. Außerdem hält der Begriff als Erklärung hin, wenn der Garten nicht ganz so ordentlich aussieht. Aber was ist ein Naturgarten eigentlich? Es bleibt dabei nämlich häufig unklar, was genau damit gemeint ist. Soll ein Naturgarten möglichst wild sein? Oder geht es um Biodiversität, heimische Pflanzen und weniger Eingriffe?

Interessanterweise ist diese Frage keineswegs neu.

Schon vor Jahrhunderten haben sich Menschen Gedanken darüber gemacht, welche Formen von Natur es überhaupt gibt und welche Rolle der Garten darin spielt. Und deswegen gibt es jetzt einen kleinen Exkurs in die Geschichte der Naturgärten.

Eine besonders spannende Idee dazu stammt aus der Gartentheorie der Renaissance.

Drei Formen von Natur

Bereits in der Antike beschäftigten sich Philosophen mit der Frage, wie sich Natur und menschliche Gestaltung zueinander verhalten.

Der römische Autor Marcus Tullius Cicero beschreibt in seinen Schriften eine grundlegende Unterscheidung: Natur und menschliche Kunst (natura und ars) stehen nicht zwingend im Widerspruch. Vielmehr kann menschliches Handeln auch eine Form der Ordnung innerhalb der Natur sein. Er beschreibt die Natur als wild und unbezwingbar.

Aus dieser Idee entwickelte sich später eine Einteilung in drei unterschiedliche Naturformen.

Prima natura – die ursprüngliche Natur

Die prima natura bezeichnet die ursprüngliche Natur: Sie umfasst Landschaften, die weitgehend ohne menschlichen Einfluss existieren: Wälder, Gebirge, Flüsse oder unberührte Landschaften. In der Renaissance wurde diese Form der Natur oft mit Wildheit, Ursprünglichkeit und Unordnung verbunden.

Heute würden wir vielleicht von Wildnis sprechen.

Altera natura – die genutzte Landschaft

Die altera natura beschreibt eine Natur, die bereits durch den Menschen verändert wurde. Dazu gehören Felder, Weinberge oder Wiesen. Diese Landschaften entstehen durch Nutzung und Bewirtschaftung, bleiben aber dennoch Teil der natürlichen Umwelt.

Viele unserer heutigen Kulturlandschaften gehören in diese Kategorie.

Terza natura – der Garten

Besonders interessant ist jedoch die dritte Form der Natur: die terza natura. Erst im Ringen um ihre Beschreibung, beziehungsweise im Einordnen von Gärten in den Naturbegriff, wurden im Nachhinein die beiden anderen, vorherbehenden Naturformen kategorisiert. Davor gab es prima natura und altera natura.

Der Begriff taucht im 16. Jahrhundert in der italienischen Gartentheorie auf. Humanisten wie Jacopo Bonfadio und Bartolomeo Taegio beschrieben damit den Garten als eine besondere Form der Natur.

Der Garten ist weder reine Wildnis noch reine Nutzfläche. Er ist eine bewusst gestaltete Natur: Pflanzen wachsen weiterhin nach ihren eigenen biologischen Gesetzmäßigkeiten. Doch ihre Anordnung folgt einer übergeordneten Idee: Wege, Terrassen, Wasserbecken oder Baumreihen strukturieren den Raum.

Der Garten wird damit zu einem Ort, an dem Natur und Gestaltung zusammenwirken.

Wenn Früchte besser schmecken

In seinem Text La Villa aus dem Jahr 1559 beschreibt Bartolomeo Taegio einen idealen Garten. Er formuliert darin einen bemerkenswerten Gedanken:

„Die Früchte hier schmecken besser als anderswo.“

Gemeint ist damit nicht nur der Geschmack der Früchte selbst.

Taegio deutet an, dass Gestaltung die Natur verbessern kann. Durch Ordnung, Pflege und Planung entstehen Bedingungen, unter denen Pflanzen besser gedeihen.

Der Garten erscheint damit nicht als Gegensatz zur Natur – sondern als eine veredelte Form von Natur.

Spannender Weise entstanden Ende des 16. Jahrhunderts auch das Spalierobst am Französischen Hof: Hier wurde tatsächlich schmackhafteres Obst, sogenanntes Tafelobst, produziert – im Gegensatz zu den sonst noch gängigen Streuobstwiesen.

Eine Zeichnung erklärt das ganze Konzept

Diese drei Naturformen wurden beschrieben, und auch dargestellt.

Ein schönes Beispiel ist ein Kupferstich des Künstlers Jacobus Harrewijn aus dem Jahr 1705. Er erschien im Gartenbuch Curiosités de l’art et de la nature von Pierre Le Lorrain de Vallemont.

Das Bild zeigt drei Ebenen der Landschaft:

Im Vordergrund befindet sich ein streng gestalteter Garten mit Wegen und Fontänen. Hier arbeiten die allegorischen Figuren von Ars und Natura zusammen. Diese Zone steht für die terza natura.

Dahinter folgt eine landwirtschaftlich geprägte Landschaft mit Feldern und Wiesen, die altera natura.

Ganz im Hintergrund ragt ein Berg mit einer Quelle auf. Diese unberührte Landschaft symbolisiert die prima natura.

Das Bild zeigt damit in einer einzigen Komposition, wie sich verschiedene Formen von Natur voneinander unterscheiden und gleichzeitig miteinander verbunden sind.

Kupferstich von Jacobus Harrewijn, 1705

Was bedeutet das für unsere heutigen Gärten?

Wenn man diese historischen Überlegungen liest, wird etwas deutlich: Der Garten war nie einfach „Natur“. Er war immer auch Interpretation von Natur.

Die Renaissance verstand den Garten als einen Ort, an dem Natur beobachtet, geordnet und gestaltet wird. Ich bin überrascht, wie sehr diese Idee bis heute nachwirkt, auch wenn wir heute andere Begriffe verwenden.

Wenn wir über Naturgärten sprechen, geht es deshalb nicht darum, den Garten völlig sich selbst zu überlassen. Naturgarten ist keine Einladung für eine grüne Anarchie.

Es geht darum zu verstehen:

  • wo Natur wachsen darf
  • wo wir lenken
  • und wo wir gestalten.

Ein Garten ist damit weder reine Wildnis noch reine Planung. Er ist – im besten Fall – eine dritte, lebendige Natur.

Eine unerwartet entspannende Erkenntnis

Wenn man diese alten Naturbegriffe ernst nimmt, entsteht daraus eine überraschend entspannende Perspektive für unsere heutigen Gärten.

Viele Menschen versuchen im Garten etwas herzustellen, das es dort eigentlich gar nicht geben kann: eine Natur ersten Grades. Also eine vollständig ursprüngliche, unberührte Natur. Doch ein Garten ist per Definition bereits ein gestalteter Raum. Er liegt neben Häusern, Wegen, Zäunen, Nachbarn und oft auch mitten in einer Siedlung. Die ursprüngliche Wildnis lässt sich hier nicht einfach rekonstruieren.

Der Versuch, im Garten eine perfekte „Natur“ zu schaffen, führt deshalb häufig zu Frust. Pflanzen wachsen anders als geplant, Tiere erscheinen oder verschwinden, Böden reagieren auf ihre eigene Weise. Warum viele dieser Versprechen eher Marketing als Gartenwissen sind, beschreibe ich im Artikel „Garten ohne Gartenwashing“.

Die historische Idee der drei Naturformen kann hier eine große Entlastung sein. Sie erinnert uns daran, dass der Garten nie reine Wildnis war und auch nie sein muss. Vielmehr bewegt er sich meist zwischen der zweiten und der dritten Natur: zwischen Nutzung, Pflege und bewusster Gestaltung.

Genau in diesem Zwischenraum entsteht oft das Interessanteste. Wir beobachten, greifen manchmal ein, lassen an anderer Stelle wachsen und verändern den Garten Schritt für Schritt. Das nenne ich entspanntes Gärtnern, alles andere macht in meinen Augen keinen Sinn.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Qualität eines Naturgartens: eben nicht darin, eine ursprüngliche Natur zu imitieren, sondern vielmehr darin, mit den natürlichen Prozessen zu arbeiten, statt gegen sie.

Und manchmal schmecken dann tatsächlich die Früchte ein bisschen besser als anderswo 😉

Und wir können unseren Garten entspannt entwickeln: Ein Garten wächst nämlich nicht in einem einzigen Sommer. Er verändert sich über Jahre, manchmal sogar über Jahrzehnte. Warum Geduld im Garten oft wichtiger ist als schnelle Ergebnisse, beschreibe ich ausführlicher im Artikel über Zeit und Jahresrhythmus im Garten.

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2 Antworten

  1. Interessanter Artikel. Mal ein ganz anderer Blick auf den Garten und seine Geschichte. Besonders in dieser heutigen schnellen Zeit von Sozial Media und Klicken und Wischen.

    1. Ja, früher haben die einfach noch gar nicht geklickt oder gewischt. Da waren noch richtige Denker am Werk. Weiß gar nicht so recht, ob es auch Denkerinnen gab. Auf jeden Fall dürfen wir alle viel entspannter im Garten sein.💚

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