Sommerzeit: Wir wissen, dass sie schadet und stellen die Uhren trotzdem vor.

Zweimal im Jahr stellen wir die Uhren um, und zweimal im Jahr beginnt dieselbe Diskussion: Ist das wirklich nötig? Sollte man die Sommerzeit nicht einfach abschaffen? Im Herbst habe ich darüber geschrieben, warum ich die Winterzeit für die natürlichere halte: Zeitumstellung Winterzeit oder: Warum die innere Uhr keine Uhr braucht

Jetzt, im Frühjahr, kommt die Umstellung zurück auf Sommerzeit und mit ihr die Belege dafür, dass dieser Wechsel tatsächlich nicht folgenlos ist. Nicht für uns Menschen, und auch nicht für die Tiere draußen vor der Tür.

Was mich dabei beschäftigt, ist nicht die Stunde selbst. Es ist das kollektive Achselzucken danach.

Was mit der inneren Uhr passiert, wenn die Uhr vorgestellt wird

Die Zeitumstellung im Frühling bedeutet, dass wir eine Stunde weniger Schlaf haben. Ungünstiger Weise fällt das zu einem Zeitpunkt, an dem der Körper noch gar nicht bereit ist für längere Tage. Unser inneres Zeitsystem, der sogenannte zirkadiane Rhythmus, richtet sich nach dem Licht und das lässt sich nicht per Knopfdruck verschieben. Irgendwie hängen wir noch ein wenig im dunklen Halbjahr. Sie Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche ist ja noch nicht so lange zurück (21.3.).

Tatsächlich ist ziemlich gut dokumentiert, was in den Tagen nach der Umstellung passiert. Schlafstudien zeigen, dass sich der Schlaf in den ersten Tagen nach der Sommerzeit messbar verschlechtert, weniger tief, kürzer, weniger erholsam. Wer ohnehin schlecht schläft, merkt das deutlicher. Wer unter saisonalen Stimmungsschwankungen leidet, auch. Das ist kein Einbilden, das ist Biologie.

Was die Forschung zeigt

In dieser Gesundheitsfrage gilt es zwischen gut belegten Befunden und medialen Aufarbeitungen, die manchmal etwas mehr Dramatik enthalten als die Originalstudie.

Der belastbarste aktuelle deutsche Beleg ist eine Metaanalyse, die Forschende des Universitätsklinikums Köln 2024 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten. Die eingeschlossenen Studien wiesen auf ein erhöhtes Herzinfarktrisiko in der ersten Zeit nach dem Uhrzeitwechsel im Frühling hin – nicht aber im Herbst. Stiftung Warentest Das Karolinska-Institut in Stockholm dokumentierte dabei ein um fünf Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko in den Tagen nach der Frühjahrsumstellung. Fünf Prozent klingt wenig. Auf Bevölkerungsebene ist es ein messbarer, reproduzierbarer Effekt.

Kerstin Cuhls vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, die ein Forschungsprojekt zu zirkadianen Rhythmen leitet, beschreibt es so: Durch die Zeitumstellung entsteht ein echter Jetlag. Die meisten Menschen schlafen in den Nächten danach weniger lang, sie haben das Gefühl, ihnen fehlt eine Stunde. Es könnte sein, weil ihnen tatsächlich eine fehlt. Ein Drittel der Menschen kann sich gar nicht vollständig auf die Sommerzeit einstellen. Besonders betroffen sind Teenager, die ohnehin gegen ihre innere Uhr leben.

Ebenfalls aus dem Jahr 2025 kommt eine Studie der Schmerzklinik Kiel, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Neurology International: Die Häufigkeit von Migräneattacken stieg bei den untersuchten Patienten eine Woche nach der Frühjahrsumstellung um 6,4 Prozent an. Nach der Rückkehr zur Normalzeit im Herbst sank sie um 5,5 Prozent. Schmerzklinik Kiel Die Forscher erklären das mit der gestörten Synchronisation des biologischen Rhythmus und der Befund passt präzise in das, was die Chronobiologie seit Jahren beschreibt.

Diese Erkenntnis bestätigt sich seit Jahren immer wieder.

Das Russland-Experiment: ein Selbstversuch mit klarem Ausgang

Es gibt weltweit genau ein groß angelegtes Praxisexperiment zur ganzjährigen Sommerzeit… und es ist gescheitert. Im Februar 2011 verkündete der damalige russische Präsident Medwedew, die Zeitumstellung werde abgeschafft. Die Entscheidung wurde mit dem fraglichen ökonomischen Nutzen, Klagen aus der Bevölkerung und Meinungen aus der Ärzteschaft begründet.

In manchen Regionen ging die Sonne mit der dauerhaften Sommerzeit erst gegen 10 Uhr vormittags auf. Die Menschen klagten vermehrt über Schlafstörungen und Unwohlsein. Nach anhaltender Kritik aus der Bevölkerung kehrte Russland am 26. Oktober 2014 wieder zur Normalzeit zurück.

Till Roenneberg, Chronobiologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der die Debatte wissenschaftlich begleitet hat, bringt es auf den Punkt: Das eigentliche Problem der Sommerzeit ist nicht der zweimalige Wechsel im Jahr. Es ist das Leben in der falschen Zeitzone und zwar für sieben Monate am Stück. Russland hat das auf Bevölkerungsebene erlebt. Europa diskutiert noch.

Wildtiere kennen keine Sommerzeit

Es gibt eine Folge der Zeitumstellung, die jedes Frühjahr pünktlich und völlig vorhersehbar eintritt: Wildunfälle nehmen nach der Umstellung stark zu.

Rehe, Füchse, Wildschweine orientieren sich am Licht, nicht an unserer Uhr und sind häufig Gewohnheitstiere. Sie haben sich auch an unseren Rhythmus gewohnt, wann wir durch die Natur spazieren. Nun verändert sich unsere Autofahrzeit. Morgendlicher Berufsverkehr und Dämmerung fallen nach der Umstellung für mehrere Wochen zusammen und das Risiko für Wildunfälle steigt erheblich, weil Reh, Hirsch und Wildschwein weiterhin ihrem natürlichen Rhythmus folgen und vor allem in den Morgen- und Abendstunden unterwegs sind.

Johanna Heeres vom Wildtierinstitut der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg hat das konkret ausgewertet: In der Woche nach der Zeitumstellung im Frühjahr ereignen sich 30 Prozent mehr Wildunfälle als üblich. Nach der Herbstumstellung sind es im Vergleich nur 7 Prozent mehr.

Deutschlandweit ereignet sich statistisch alle zweieinhalb Minuten ein Wildunfall. Die meisten Kollisionen mit Rehen auf deutschen Straßen passieren in den Monaten April und Mai, jede dritte übers Jahr gemeldete Kollision mit einem Rehbock fällt genau in diesen Zeitraum.

Was wir seit Jahren wissen und trotzdem nicht ändern

Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit aus Oktober 2025 sind 76 Prozent der Befragten in Deutschland der Meinung, dass die Zeitumstellung abgeschafft werden sollte. Die Europäische Union hat das 2019 beschlossen. Passiert ist seitdem nichts, weil sich die Mitgliedstaaten nicht einigen konnten, welche Zeit dauerhaft gelten soll. 2024 wurden alle Termine zur Abschaffung vom Vorsitz des Rates der EU von der Agenda gestrichen. Die Zeitumstellung ist damit einer der ältesten offenen Vorschläge in Brüssel.

Darf es eine Frage sein?

Ich finde es bemerkenswert, wie viel wir inzwischen wissen und wie wenig sich daraus ergibt. Vielleicht ist das gerade ein Zeitgeist. Also, wenn Du nach der Zeitumstellung müde bist, schlecht schläfst, dich nicht ganz bei dir fühlst: Das ist einfach Biologie.
Aus diesem Grund plädiere ich für mehr Gärtnern im Jahresverlauf und lasse mich nicht hetzen.

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