Die Ostsee friert zu

Eigentlich wollte ich Winterruhe machen. Eigentlich wollte ich digitales Detoxen, weniger Bildschirm, weniger Worte, mehr was-man-auch-immer-bei-digital-detox so macht. Abschalten eben. Wir haben Februar und da ruht der Garten und gar nichts muss gemacht werden. Zumindest, wenn es nach Gärtnern im Jahresverlauf geht.

Und dann friert die Ostsee zu. Das erste Mal seit vielen Jahren. Wir kommen Ende Januar an, und es ist sofort klar: Das hier ist kein milder Küstenwinter, kein freundliches Durchatmen, nix da mit gemütlich am Strand flanieren bei Februarsonne. Mit dem Wind fühlen sich die -9°C eher an wie -19°C. Das sagt zumindest die Wetterapp. Ich kann das nur bestätigen, denn sobald man über die Dünen kommt, verschlägt es einem den Atem mit einem Gemisch aus scharfen Sandkörnchen und zeckenden Eisflocken. Ich weiß nicht, ob dieses unfreiwillige Peeling gesund ist.

Ein paar Tage vorher lag Berlin und Umland unter Blitzeis. Ich habe über diesen Tag geschrieben: Blitzeis im Januar mit Eiszauber an Pflanzen und Gegenständen und einiges an Verkehrschaos.

Das hier ist aber irgendwie anders. Das Ereignis hier kommt nicht über Nacht und dennoch irgendwie plötzlich. Die Ostsee beginnt zuzufrieren. Der Wind hört und hört nicht auf, wenn ich jeden Morgen mit den Hunden am Strand bin. Alter Verwalter ist das schneidig! Dieses Tösen der Wellen, der Wind unter der Kapuze, der dennoch Ohrenschmerzen verursacht, auch wenn Du die Mütze ganz tief ins Gesicht ziehst. Jetzt erst einmal eine neue Balance finden bei diesem Gegendruck, der vom Meer kommt. Jeden Morgen das gleiche Spektakel. Der Wind hört nicht auf. Die Ostsee ist aufgewühlt, fast wütend. Viele verendete Vögel und Fische am Strand. Ab und zu mal ein verirrter Mensch – wie ich.

Und eines morgens ist es still. Der Wind ist immer noch da, aber es ist still. Moment mal, fehlt nicht was?

Wo sind die Wellen? Wo ist das wütende Anschlagen des Wassers? Die weißen Kronen?

Etwas Weißes ist da. Hinter der Uferkante, die seit einigen Tagen zu einer runden Eisküste in Miniaturformat gewachsen ist. Dahinter geht es weiß weiter, wie Slusheis aus dem Kino. Nur eben weiß und ganz sanft in Bewegung.

Die Hunde wollen losstürmen… wer kennt Entengrütze vom Weiher? Genau so ist es nur eben mit ostseesalzigem Slush: Das Ostseewasser friert an der Küste, trägt aber nicht.

Jetzt folgt eine kleine Fotoreihe wie die Ostsee zufriert. Moment für Moment über die Tage verteilt.

Ich hatte mir vorgenommen, nichts zu dokumentieren, weil digital detox und so. Und dann stehe ich doch am Strand, mit klammen Fingern, der Akku bricht ständig zusammen, so kalt ist es, und schaue auf Eisränder, gefrorenen Tang, eingeschlossene Muscheln – und fotografiere. Und am Ende kann man sogar ein paar Schritte auf die Ostsee wagen.

28. Januar 2026 – Ankunft in der Nacht

Ich kann das Glück in mir blubbern spüren als ich nachts noch einen Schritt über die Dünen mache. So habe ich die Ostsee noch nicht erlebt. Es ist zu dunkel für ein Foto in der Nacht. Aber sie ist da, gewaltig, in der ganzen Dunkelheit um mich herum. (-1°C/ -2°C, gefühlt -12°C, scharfer Ostwind)

29. Januar 2026 – scharfer Ostwind

Von morgens bis abends geht der Wind aus Osten. Er peitscht über das Wasser und übers Land. Die Spaziergänge sind doch noch eher kurz. (-1°C/ -2°C, gefühlt -12°C, scharfer Ostwind)

30. Januar 2026 – kaum am Strand

Wir müssen uns erst einmal akklimatisieren. Diesen Dauerdruck vom Meer aus sind wir nicht gewohnt. Die Gänse kämpfen sich dennoch durch die Wolken, der Wind lässt die Kamera zittern. Es ist einfach bitterkalt! Ha, dachten wir… Wir wussten ja nicht, was noch kommen sollte. (-1°C/ -2°C, gefühlt -12°C, scharfer Ostwind)

Gänse über der Ostsee

31. Januar 2026 – es wird kälter

Noch tosen die Wellen. Es gibt sogar Zeichen, dass die Sonne scheinen könnte. Wenn nur dieser Wind nicht wäre! Die Gischt überfriert den Strand. Es gibt erste Eiskunst zu bewundern ob beim Strandgut oder beim Wasser, das aus den Dünen gedrückt wird. Und viele tote Tiere wie den Kormoran. Was für eine Augenfarbe! (-1°C/ -4°C, gefühlt -14°C, scharfer Ostwind)

1. Februar 2026 – das Eis kommt langsam

Wo gestern noch so etwas wie flacher Strand war, wächst langsam Schicht für Schicht ein Eiswasserwulst an, an manchen Stellen höher, woanders spiegelglatt und flach. Je nachdem ob dort reiner Sand war oder Tang und Muscheln aufgehäuft waren. Und dann ist auch noch Vollmond. Ohne Wolken wird es richtig kalt. (-3°C/ -6°C, gefühlt -16°C, scharfer Ostwind)

2. Februar 2026 – nichts verändert sich

Es scheint, als bliebe es jetzt für immer und ewig so: Windig und bitterkalt. Noch ist das Wasser bewegt. Noch. Wenn Du keine Idee davon hast, dass es hier bald ganz friedlich wird, registrierst du: Ah, Wasser und Wind. (-5°C/ -7°C, gefühlt -17°C, scharfer Ostwind)

3. Februar 2026 – Reste

Auch am einst flachen Strand schieben sich Schnee-Eiswasser-Platten zusammen. Hier und da Reste von Vögeln und Fischen. (0°C/ -5°C, gefühlt -15°C, scharfer Ostwind)

4. Februar 2026 – Stille und Eis

Der erste Gang wie immer morgens mit den Hunden ans Wasser. Der Wind ist noch da. Aber wo ist der Ton hin? Erstaunlich still ist es. Und: Wer hat Schnee aufs Wasser gelegt? Das Slusheis ist da. Es wabert träge unmittelbar am Strand hinter den Eiswülsten.
Es gibt einen Gang von Glowe nach Juliusruh und auf dem Weg friert die Ostsee weiter zu. Der Wind lässt überhaupt nicht nach. (-2°C/ -3°C, gefühlt -13°C, scharfer Ostwind)

5. Februar 2026 –

Wird in den kommenden Tagen aufgefüllt.

6. Februar 2026 –

7. Februar 2026 –

8. Februar 2026 –

9. Februar 2026 –

10. Februar 2026 –

11. Februar 2026 –

12. Februar 2026 – Schnee mit Tau

Mehr Bilder gibt es in 12 von 12 im Februar. Ein Tag mit der Ostsee.

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