Heute lag Berlin unter einer dicken Schicht Eis. Ich kenne Blitzeis als einen Hauch von gefrorenem Nieselregen auf den Steinplatten, auf denen ich zur Schulfreundin geschlittert bin. (Aus dieser Zeit stammt übrigens der Begriff „Blitzeis“). Heute war es anders: Es war nicht überall spiegelglatt, aber das Eis war dick! Richtig dickes Blitzeis überzog alles: Geländer, Zweige, Beeren, Staudenreste, Dächer, Wege. Ja, es war gefährlich, es gab viele Unfälle, Zuglinien sind nicht gefahren, weil die Oberleitungen vereist waren – und das ist bitter und schade. Das war weniger romantisch. Auf der anderen Seite war heute ein wirklich zauberhafter Wintertag!
Wie es überhaupt zu Blitzeis kommt
Blitzeis entsteht, wenn kalter Regen auf einen Boden trifft, der unter dem Gefrierpunkt liegt. Die Regentropfen sind dabei selbst noch flüssig, oft leicht über null Grad, gefrieren aber in dem Moment, in dem sie auf kalte Oberflächen treffen. Das Wasser hat keine Zeit mehr abzufließen oder zu verdunsten und legt sich als geschlossene, glatte Eisschicht über Straßen, Zweige, Blätter und alles, was kalt und ungeschützt ist.
Typisch ist diese Wetterlage bei einem sogenannten Warmlufteinbruch in der Höhe, während am Boden noch kalte Luft liegt. Für uns fühlt sich das paradox an: Es regnet, aber alles friert. Für die Natur ist das nichts Neues. So was gehören seit jeher zum Winter, gerade im Januar und Februar.

Der Januar ist kein misslungener Frühling
Ich beobachte seit einigen Jahren, wie sich der Januar in unserer Wahrnehmung verschoben hat. Weihnachten ist vorbei, Silvester gefeiert, alle sind mehr oder weniger im neuen Jahr angekommen – dann kann jetzt bitte der Frühling kommen. Irgendwie mutiert der Januar dann zu einer lästige Verzögerung. Zu kalt, zu dunkel, zu langsam. Immer drängender wird das „Ich wäre jetzt für Frühling“.
Dabei ist der Januar genau das, was er heute gezeigt hat: ein Wintermonat mit Kälte. Wir haben hier noch keinen Übergang. Wir haben Winter in Reinform.
Für den Garten ist das übrigens völlig selbstverständlich. Für die Pflanzen auch.
Eis bedeutet nicht automatisch Gefahr
Was wir heute gesehen haben – diese glasigen Überzüge auf Zweigen, Knospen, Blättern, Früchten – könnte uns gruseln, als würde gleich etwas kaputtgehen.
In vielen Fällen ist genau das Gegenteil der Fall.
Pflanzen sind nicht unvorbereitet. Die meisten Pflanzen, so sie denn genetisch mit kalten Temperaturen umgehen können, sind auf den Winter vorbereitet: Die Pflanzenzellen enthalten weniger freies Wasser, mehr Zucker, mehr gelöste Stoffe. Das senkt den Gefrierpunkt im Zellinneren.
Eis als Schutzschicht
Gerade bei Stauden, Gräsern, immergrünen Gehölzen kann eine gleichmäßige Eis- oder Schneeschicht sogar schützend wirken. Sie puffert Temperaturschwankungen, sie verhindert Austrocknung durch kalten Wind, sie hält extreme Minusgrade etwas auf Abstand.
Problematisch wird es vor allem dort, wo Eis sehr schwer wird und mechanisch wirkt: bei feinen Zweigen, bei stark fruchttragenden Gehölzen, bei ohnehin geschädigten Strukturen. Klar können Äste brechen, dass passiert.
Im Garten bedeutet das vor allem eines: jetzt nichts überstürzen.



Winterruhe ist kein Stillstand
Was wir im Januar oft als „da passiert ja nichts“ empfinden, ist in Wirklichkeit eine Phase hochkomplexer innerer Prozesse. Pflanzen regulieren ihren Wasserhaushalt, stabilisieren Zellwände, schützen Meristeme also genau die Bereiche, aus denen später neues Wachstum entsteht.
Für die Pflanzen ist jetzt noch absolut kein Frühling. Warum sollten sie bei solchen Temperaturen ihr hochempfindliches Meristemgewebe freilegen?
Warum Hektik nichts bringt
Gefrorene Pflanzen sind spröde. Die Zweige brechen leichter, Knospen reißen ab und Rinde kann schnell verletzt. Die Pflanzen sind wie in Glas gepackt und damit genau so empfindlich wie mundgelbasene Schmuckstücke. Leider sind solche Brüche schwer regenerierbar, weil es Brüche sind und keine Quetschungen oder so.
Jetzt einfach raus gehen, staunen, sich freuen und eventuell Fotos machen wie in einer Bonbonmanufaktur. Oder wie festliche Lollis. Oder wie floraler Schmuck in Epoxidharz.



Januar und Februar sind unsere Wintermonate
Wir tun uns keinen Gefallen damit, den Winter ständig zu verkürzen, das macht er schon ganz alleine, wie man in der phänologischen Uhr sehen kann. Januar und Februar sind in Mitteleuropa die stabilsten Wintermonate. Jetzt ist Kälte normal, der Frost gehört dazu und Eis ebenso.
Der Frühling kommt. Das ist sicher, nur eben nicht jetzt.
Staunen statt beschleunigen
Heute war ein guter Tag, um zu staunen: Eis an Berberizen, die trotzdem leuchten. Eis an Gräsern, die sich unter dem Gewicht biegen, ohne zu brechen. Das ist Biologie und Physik in einem und wirklich faszinierend!
Vielleicht ist der Januar genau dafür da: Für Geduld, für genaues Hinsehen und Freude pflegen für Sachen, die wir gar nicht kontrollieren können.
Ein Plädoyer für einen echten Winter
Wir müssen den Winter nicht schönreden. Glatte Straßen sind gefährlich. Unfälle passieren, egal wie gut die Autofahrer Auto fahren können. Gleichzeitig dürfen wir aufhören, den Januar wie einen Fehler im Kalender zu behandeln, er müsste schon Frühling sein. Gerade in Gartenkreisen wird jetzt manchmal schon hektisch ausgesät und Stress verbreitet. Ich halte mich da lieber an das naturnahe Gärtnern und freue mich übers Gärtnern im Jahresverlauf.
Für den Garten ist der Winter richtig, für die Pflanzen ist er notwendig und für uns wäre er vielleicht heilsam, wenn wir ihn lassen würden.
Es ist Januar.
Der Winter darf Winter sein. Und der Frühling kommt, wenn er soweit ist.

