Das Ticket liegt bereit. Seit einer Woche hätte ich jeden Tag auf die Grüne Woche gehen können, sie findet keine 20 Minuten von mir entfernt statt. Es ist die 100. Grüne Woche, die 100.!
Aber: Hätte, hätte, Fahrradkette…
Ein Ticket, viele Erwartungen
Auf Instagram sehe ich, wie andere sich freuen, sich gegenseitig markieren, reposten und sich irgendwie warm laufen für morgen. Ich merke, wie mich das berührt und doch nicht mitnimmt. Schließlich ist die Grüne Woche etwas Richtiges! Nicht so ein Influencertreffen, bei welchem sich verdeckte Vertriebler zu einem Firmentreff zusammenfinden und alles eskaliert, wie toll die Welt ist. Damit kann ich nichts anfangen, dass ist für mich kurz vor Gardenwashing.
Die Grüne Woche ist da etwas anderes. Und das Gartenbloggertreffen ist auch etwas anders. Das ist seriös. Das ist eine richtige Adresse.

… und dennoch erfasst mich das Grüne Fieber nicht.
Ich freue mich auf die Blumenhalle. Auf den Raum, auf Pflanzen, auf das Gehen zwischen Farben… und ich freue mich auf Gespräche und einzelne Begegnungen. Aber dieser gemeinsame Schwung, dieses kollektive Hypen, das spüre ich nicht. Und ich merke, dass ich mich frage, ob man das eigentlich müsste.
Die Grüne Woche als Kindheitserinnerung
Als Kind war ich gern auf der Grünen Woche. Nicht wegen der Konzepte, nicht wegen der Größe, das habe ich ja alles gar nicht verstanden. Auch nicht die Sorge, dass man da verloren gehen könnte. Was soll einem als Kind schon passieren? Ich liebte besonders die Tiere dort, den Duft nach Stroh und Heu. Das gab es im Wedding nicht ganz so oft. Ich konnte dort Dinge sehen, die in meinem Alltag nicht vorkamen, die mich aber schon immer fasziniert haben.
Andere sind wegen des vielen Essens dort hin. Das hatte ich gar nicht auf dem Schirm.
Zwischen Messe, Stadt und Architektur
Als Jugendliche mochte ich das Umherstreifen. Die vielen Menschen, die vielen Kulturen, Sprachen, Töne. Es war immer ein gutes Zeichen, wenn der Funkturm grün angestrahlt war. In dieser Stadt passiert einfach etwas: Messen haben hier Platz, auch wenn das ICC mittlerweile leer da steht, in seiner futuristischem Design aus einer anderen Zeit.
Nachhaltigkeit als selbstverständliches Thema
Heute ist die Grüne Woche etwas anderes. Nachhaltigkeit ist präsent, sichtbar, sehr professionell und unglaublich viel. Ja, es ist wichtig, dass grüne Themen nicht mehr am Rand stattfinden, sondern selbstverständlich werden, dass sie diskutiert und vor allem gelebt werden. Biodiversität, Ernährung, Landwirtschaft und ökologische Zusammenhänge sind Teil der Öffentlichkeit.
Wenn Sichtbarkeit neue Erwartungen erzeugt
Gleichzeitig entsteht daraus eine neue Erwartung: Präsenz zeigen, Haltung zeigen, Begeisterung zeigen, Sich vernetzen, sichtbar sein, dazugehören. Geht es hier auch schon den Optimierungsgang? Wer langsamer ist, fliegt raus? Wer leise Ideen hat, wird überhört?
Nun sitze ich hier und mache mir Gedanken über mein erstes Gartenbloggertreffen, über die Grüne Woche, über die vielen Menschen, über die Prüfungen, die am Montag auf mich warten und auf die Abreise in meine Winterruhe, die in 5 Tagen ansteht. Es ist so unfassbar gegensätzlich.
Müdigkeit als Zeitgefühl
Ich merke, dass mich das müde macht. Und ich frage mich, ob Müdigkeit nicht längst ein gesellschaftlicher Zustand ist. Also nicht individuell „meine“ Müdigkeit, sondern eine strukturelle. Wie vieles ist wichtig, gleichzeitig oder wirklich dringend? Und dann kommt noch der Anspruch dazu, das alles gut zu finden, sich darüber zu freuen, motiviert zu sein.
Wenn es jetzt nicht Abend wäre, wäre das der Zeitpunkt für einen Gang raus in die Natur, irgendwohin und den Geräuschen zuhören und einfach da sein.
Morgen in der Blumenhalle
Klar gehe ich morgen in die Blumenhalle. Ich werde mich schon früher mit einer Freundin treffen und über die Messe streifen. Ich werde durch die Blumenhalle gehen und schauen, wer mir begegnet. Ich werde die Blumen riechen, wie aus dem Warmhaus in der Ausbilungszeit, ich werde Menschen treffen, denn wir sind soziale Wesen und das ist ein Geschenk. Vielleicht bleiben Gespräche hängen, vielleicht bleibt ein Lächeln im Gedächtnis, ein Bild. Vielleicht werde ich morgen darüber berichten.
Ich freue mich auf jeden Fall
- auf die Farben der Pflanzen
- auf die Erinnerungen an Gewächshäuser
- auf echte Menschen hinter den Social Media Profilen
- auf den Mut, in Gespräche zu gehen und Menschen kennen zu lernen
- auf das Gefühl, dabei gewesen zu sein
- die vielen Eindrücke, die ich mit nach Hause nehmen darf
Wer weiß, vielleicht treffe ich ja auch bekannte Gesichter. Gleich bei mir um die Ecke in Berlin am grünen Funkturm.
und dann kommt die Winterruhe
Und dann mache ich mich auf den Weg. Die Messe, die ersten Prüfungen und ein Aufbruch liegen dann hinter mir, eine andere Zeit beginnt.
Jetzt fühlt es sich einfach bizarr an, so kontroverse Situationen in einem so engen zeitlichen Rahmen kognitiv zu wissen ohne es wirklich zu fühlen.
Mehr muss ich im Moment nicht wissen. Später bin ich schlauer.
In diesem Sinne: Wenn Du da bist, wünsche ich Dir auch eine tolle Grüne Woche!
Zum Thema „naturnah gärtnern“: Ein Garten als Lebesraum

