Garten & Erschöpfung

Zeitschriften-Titel, Social Media Feeds, Podcast-Folgen, Gartencenter-Aktionen: Überall heißt es machen, machen, machen.

Fangen wir mal klein an:

  • Wohldurchdachtes, immerblühendes Beet für Wildbienen anlegen. Weil es die Wildbienen so schwer haben und wir nicht. Ich rede erst einmal nur von einem Beet.
  • Fancy Hochbeete bauen. Wichtig, weil einen überall die Vorteile anschreien.
  • Natürlich Mulchen. Obwohl – das ist für Fortgeschrittene.
  • Drölfzig Sorten säen, Demeter und samenfest, versteht sich.
  • Allerliebst und liebevoll vorziehen.
  • Ernten und händisch alles einkochen und haltbar machen. Zero waste und unverpackt.
  • Ach, genau, das Insektenhotel nicht vergessen!

Dazwischen ein bisschen Achtsamkeit und gerne noch ein Selfie in der Abendsonne. Weil wir sind ja naturverbundene Menschen. Das ist wichtig in dieser Zeit.

Ich sage: Ja, das ist gut. Das ist richtig. Wenn man weiß, wann man was warum macht. Wenn man nicht einfach nur hinterherläuft – und dazu in sich hineinspürt. Mit dem Ziel, energieschonend, zufriedenstellend und mit echtem Gewinn zu gärtnern.

Aber was, wenn die Erschöpfung längst da ist? Wenn der Garten, der eigentlich nähren soll, nur noch fordert?

Dann ist es Zeit, stehenzubleiben. Hinzusehen. Neu zu fragen:

Für wen mache ich das eigentlich alles? Und was davon ist wirklich für mich?


Der Garten-Hype: Zwischen Inspiration und Überforderung

Gärtnern ist in. Ob als Trend oder als Ausdruck eines echten Bedürfnisses nach Erdung – die Medien sind voll davon. Auf Social Media, in Hochglanzmagazinen, TV-Sendungen und Podcasts geht es um Hochbeete, Permakultur, Selfcare durch Gartenarbeit, Insektenfreundlichkeit und naturnahe Gestaltung. Die Pandemie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Sinn und Nutzen der Natur wieder in den Mittelpunkt rückte – und viele hatten auf einmal Zeit, den eigenen Garten anders wahrzunehmen – nicht nur als eine quasi Grünfläche rund um das Haus.

Ich sehe das und denke: Ja. Es ist gut, dass die Natur ins Zentrum rückt. Gut, dass Menschen wieder Erde unter den Fingernägeln haben. Aber ich sehe auch: Es ist zu viel. Es ist laut. Und es setzt unter Druck.

Die stille Erschöpfung hinter gepflegten Beeten

Denn neben dem Idealbild vom immer blühenden, summenden, perfekten Naturgarten steht oft jemand, der eigentlich nicht mehr kann. Der nur noch schnell eine kleine To-do-Liste abzuarbeiten hat: Weil das dazugehört. Weil das gut ist. Weil das alle tun. Und dann? Ist der Garten kein Ort der Kraft mehr. Sondern ein weiteres Projekt, das erledigt werden will.

Gärtnern als Spiegel gesellschaftlicher Zustände

Und dann kommt die Erschöpfung. Niemand redet darüber, denn ein Garten soll ja Freude machen. Ob wir hier wohl ein Tabu-Thema haben?

Ich glaube. Die Erschöpfung im Garten ist ein Zeichen der allgemeinen Erschöpfung. Wir hetzen von To-do zu To-do, wollen es richtig machen, wollen beitragen, wollen nachhaltig leben. Und manchmal verlieren wir dabei das, was uns eigentlich wichtig ist: das eigene Spüren, das eigene Tempo, das eigene Maß.

Gerade im Garten – diesem so natürlichen Ort – zeigt sich: Wir nehmen den Druck mit, selbst wenn wir dachten, wir lassen ihn draußen.

Naturverbundenheit ja – aber nicht um jeden Preis

Ich kenne das ein bisschen von früher. Mir fällt es aber erst jetzt auf, wo ich darüber nachdenke. Ich wollte es immer schön haben. Für die Natur. Für die Tiere. Für die Pflanzen. Für die Kinder. Und irgendwo auch für mich. Ein Mikrokosmos um mich herum.

Aber: Wie viel davon war wirklich meins? Und wie viel war nur der Wunsch, endlich irgendwo anzukommen?

Gartenwissen statt Perfektionismus*

Gärtnern ist kein Achtsamkeitstraining. Es ist keine romantisierte Flucht. Es ist Arbeit – ja. Und gleichzeitig ist es eine Möglichkeit, Prozesse zu verstehen. Zu beobachten. Entscheidungen zu treffen, die dem Ort, den Pflanzen und mir gut tun.

Was hilft: Wissen. Verstehen, warum ich etwas tue. Und was ich vielleicht auch mal nicht tun muss. (Dazu mehr im Artikel über Gardenwashing)

Garten als Mikrokosmos: Für wen machen wir das alles?

Ein gepflegter Garten ist schön. Ein ästhetischer Garten ist schön. Ein strukturierter Garten ist schön.

Die allerwichtigste Frage ist: Ist er für mich schön?

Oder doch eher (heimlich, heimlich) für das Bild, das ich anderen zeigen möchte? Der Garten ist ein Mikrokosmos. Und damit auch ein Spiegel. Wie ich mit mir umgehe. Wie ich mit meinen Wünschen und Grenzen umgehe. Wie ich mit Meinungen andere umgehe.

Ich persönlich will, dass er mich nährt. Dass ich mich dort auskenne, nicht überfordere. Ich will darin atmen. Zur Ruhe kommen. Frieden finden.

Zwischen Selfcare und Selbstausbeutung

Ich sehe viele Menschen, vor allem Frauen, die im Garten das suchen, was sie anderswo nicht finden: Ruhe. Sinn. Erdung. Und oft landen sie übermüdet zwischen Stauden und Saatgutpaketen, mit dem Gefühl: Ich schaffe das alles nicht.

Doch genau da dürfen wir umdenken. Nicht weniger Garten. Aber ein anderer Garten. Sondern einer, der passt: Zur Persönlichkeit, zur Lebenssituation, zum Standort.

Der Garten als heilsamer Ort – wenn wir es zulassen

Der Garten muss nicht perfekt* sein. Er muss passend sein.

Bei mir bedeutet das: Wild im besten Sinne. Nicht überladen. Sondern in Beziehung zu mir. Zu meinem Leben. meinem Rhythmus.

Vielleicht ist genau jetzt der Moment, neu zu beginnen. Mit weniger Druck. Mehr Klarheit. Und dem Vertrauen, dass auch im Chaos etwas Wunderschönes wachsen kann. Genau dafür bin ich da. Wenn Du Fragen hast, weißt Du, wo Du mich findest.


*können wir dieses Wort einfach aus dem Duden, aus dem Sprachgebrauch und aus unserer Erwartungshaltung streichen, bitte?!

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