Neulich im Gartencenter, es ist Anfang Januar, draußen liegt seit Tagen Schnee, die Temperaturen liegen irgendwo bei -5°C… es ist Winter, sogar in Berlin.
Nach dem Gang durch den großen Eingangsbereich ein tiefes Aufatmen: tropisches Grün, warme Luft, Orchideen in voller Blüte, Bromelien in satten Farben, große Blätter. Es wird alles leichter, wenn man nur genug Grün um sich hat, so ist das nämlich! Auch wenn man „nur“ in einem Gartencenter ist und die Pflanzen fließbandmäßig produziert werden. Das ist in so einem Moment aber gar nicht so wichtig – draußen ist ja nix los, nur weiß, kalt und nix.
Gerade im Winter, wenn draußen alles reduziert ist, fangen wir innerlich an, Farbe und Leben zu vermissen.
Achtung Frostgefahr!
Und genau deshalb bin ich an diesem Aufsteller stehen geblieben und habe ihn hierher mitbebracht. Denn er hat mich wirklich überrascht: Er ist nicht besonders schön gestaltet oder ruft besonders laut nach Aufmerksamkeit. Ganz im Gegenteil, er etwas tut, was im Pflanzenhandel eher selten geworden ist: Er bremst.
Da steht nicht: „Holen Sie sich jetzt den Sommer ins Haus oder ein bisschen Karibik für graue Tage!“
Da steht nicht: „Kauf mich, nimm mich mit!“
Da steht: „Schau kurz hin, denk nach, was draußen gerade los ist und übernimm Verantwortung!“
„Frostgefahr. Bitte packen Sie Ihre Zimmerpflanzen ein! Bei niedrigen Temperaturen besteht die Gefahr von Kälteschock!„
Und genau das finde ich bemerkenswert. Das ist keine Werbung, die Sehnsüchte anfeuert, sondern eine, die Pflanzen ernst nimmt. Fachlich, ruhig, pflanzenorientiert, gesehen bei Pflanzen Kölle, danke dafür!
Ich weiß nicht, ob das jede und jeder sofort versteht. Aber ich finde es richtig gut, dass hier nicht mit Emotionen gespielt wird, sondern mit Wissen. Und genau darüber spreche ich jetzt.

Winter draußen, Sehnsucht drinnen
Der Januar ist biologisch, emotional und gesellschaftlich zugleich eine besondere Zeit: Draußen ruht die Natur, das ist ganz sichtbar. Die Bäume stehen ohne Blätter, der Boden ist gefroren oder nass, Wachstum findet nicht statt. Alles ist auf Rückzug programmiert und wartet oder bereitet sich still und heimlich vor. Wer genauer hinschaut, weiß das. Wer sich mit natürlichen Kreisläufen beschäftigt, spürt das auch.
Drinnen passiert oft das Gegenteil: Wir heizen, wir beleuchten, wir schaffen künstliche Tageslängen und gleichmäßige Temperaturen. Wir machen es uns schön, warm, gemütlich. Das ist verständlich. Unser Herz sehnt sich nach Leben, nach Farbe, nach etwas, das wächst, gerade dann, wenn draußen alles still geworden ist. Deswegen machen wir es uns auch gerne etwas grün. Schließlich ist es ja erwiesen, dass die Farbe Grün gut für die Psyche ist: Grün ist eine lebensbejahende Farbe, die Glückshormone auslöst.
Und so landen viele Menschen im Winter in der Zimmerpflanzenabteilung, weil es einfach schön ist und gut tut. Dass wir sie gerade im Winter suchen, liegt also sehr nahe und ist zutiefst menschlich.
Das Problem beginnt, wo dieses Bedürfnis nicht mehr mit biologischer Realität der Pflanzen abgeglichen wird. Wo das, was uns emotional gut tut, plötzlich im Widerspruch zu dem steht, was Pflanzen tatsächlich aushalten können. In diesem Fall: Winter. Und genau an dieser Stelle wird es spannend.
Können Zimmerpflanzen Frost ab?
Eine der sinnvollsten Fragen im Winter lautet: Kann man Zimmerpflanzen bei Frost kaufen?
Die Antwort ist ganz einfach: Können, ja! Machen? Lieber nicht!
Das ist die fachlich-ehrliche Antwort einer Zierpflanzengärtnerin, der Pflanzen und ihre Besitzer wirklich am Herzen liegen.
Hier kommt DER Grund gegen Zimmerpflanzenkauf im Winter:
Die meisten Pflanzen sind besonders empfindlich, weil sie aus völlig anderen Klimazonen stammen. Viele klassische Zimmerpflanzen kommen aus tropischen oder subtropischen Regionen, aus Gegenden, in denen Temperaturen unter 15 Grad kaum eine Rolle spielen. Frost ist dort schlicht nicht vorgesehen.
Der Artikel von Wikipedia ist sehr nett dazu zu lesen: Die Zimmerpflanze
Was für uns nur ein kurzer Weg vom Laden ins Auto ist, ein paar Minuten kalte Luft, vielleicht etwas Schnee im Gesicht, ist für diese Pflanzen bereits eine Grenzerfahrung: Ein abrupter Temperatursturz und genau darauf sind tropische Zimmerpflanzen nicht eingestellt.
Was Kälte mit Pflanzenzellen macht
Um zu verstehen, warum schon eine kurze Kälteeinwirkung problematisch ist, lohnt sich ein Blick nach innen, dorthin, wo man normalerweise nicht hinschaut, vielleicht, weil der letzte Biologieunterricht auch schon allzu lange her ist: Wir schauen uns die Zellstruktur von Pflanzen an.
Pflanzenzellen stelle ich mir immer ein bisschen vor wie Wasserbomben: Sie enthalten viel Wasser und noch ein paar „Innereien“. Sinkt die Temperatur stark ab, beginnt dieses Wasser zu gefrieren. Und Wasser verhält sich beim Gefrieren immer gleich. Es dehnt sich aus. Sei es in der Pflanzenzelle, auf der Seeoberfläche oder der Sektflasche im Tiefkühler. (Der wurde dort natürlich nur kurz zwischen geparkt … ich denke, jeder hat schon mal ein TK- Fach sauber gemacht…)
Die Zellwände, die diese Flüssigkeit umschließen, halten diesem Druck nicht stand. Sie platzen… wie die Flasche im Tiefkühlfach.
Der Schaden ist in Pflanzenzellen häufig nicht sofort sichtbar.
Die Pflanze bleibt zunächst grün. Sie wirkt stabil, manchmal sogar erstaunlich gesund. Erst mit zeitlichem Abstand zeigen sich die Folgen. Blätter verlieren ihre Spannung, verfärben sich, bekommen braune Stellen. Das Gewebe stirbt ab und es entstehen sogenannte Nekrosen. Und dann beginnt oft die Suche nach dem Fehler.
Viele Menschen denken in diesem Moment, sie hätten falsch gegossen, zu viel oder zu wenig gedüngt oder den falschen Standort gewählt. In Wahrheit ist der Schaden viel früher entstanden, draußen, auf diesem kurzen Weg durch die Kältemal schnell zum Auto.
Typische Anzeichen für einen Kälteschaden sind dabei:
- schlaffe, weich wirkende Blätter trotz ausreichender Wasserversorgung
- glasige oder wässrig aussehende Blattbereiche
- braune, später trocken werdende Stellen am Blatt
- abgestorbenes Gewebe, oft unregelmäßig verteilt
- ein verzögertes Auftreten der Symptome erst Tage nach dem Kauf
Das Tückische daran ist nicht nur der Schaden selbst, sondern der zeitliche Abstand. Man bringt die Pflanze sicher nach Hause, stellt sie ab, freut sich über das Grün. Und erst später zeigt sich, dass etwas Entscheidendes passiert ist. Genau deshalb werden Frostschäden so oft falsch eingeordnet.
Der gefährlichste Moment ist nicht das Wohnzimmer
Frostschäden entstehen selten dort, wo die Pflanze später steht. Sie entstehen unterwegs.
Schon wenige Minuten bei Temperaturen unter null Grad reichen aus. Der Weg vom Gartencenter zum Auto. Vom Auto zur Haustür. Ein kalter Hausflur. Ein unbeheizter Treppenaufgang.
Gerade bei empfindlichen Pflanzen braucht es keinen langen Frost, keinen nächtlichen Aufenthalt draußen. Ein kurzer Kälteschock genügt.
Das macht diese Schäden so unfair. Und genau deshalb ist Aufklärung so wichtig.
Pflanzencenter tragen Verantwortung
Der Hinweis steht gleich am Eingang. Man sieht ihn, bevor man überhaupt anfängt, sich umzuschauen oder Pflanzen in die Hand zu nehmen. Und im Grunde sagt er etwas sehr Einfaches: Du kannst diese Pflanze jetzt kaufen, aber bei den Temperaturen draußen ist das für sie ein Risiko.
Das ist für den Handel nicht besonders bequem und wahrscheinlich auch nicht verkaufsfördernd. Aber es ist fair für die Pflanzen und den Pflanzenerfolg zu Haus (wenn man da von Erfolg reden kann).
Nicht alle Pflanzen reagieren gleich
Wichtig ist mir an dieser Stelle eine Differenzierung. Es geht nicht darum, im Winter grundsätzlich auf Pflanzen zu verzichten. Es gibt Pflanzen, die mit Kälte umgehen können. Und es gibt solche, die es nicht können.
Relativ unproblematisch im Winter sind:
- Zwiebelpflanzen wie Hyazinthen
- Primeln
- andere vorgetriebene Frühjahrsblüher
Diese Pflanzen sind an kalte Phasen angepasst. Sie verfügen über interne Schutzmechanismen und kennen Frost aus ihrer natürlichen Entwicklung.
Besonders empfindlich sind:
- Orchideen
- Bromelien
- Monstera
- viele tropische Grünpflanzen
Je exotischer die Herkunft, desto größer das Risiko eines Kälteschocks.
Gilt das auch für Online-Bestellungen?
Ja. Uneingeschränkt.
Auch beim Onlinekauf durchlaufen Pflanzen kritische Phasen: kalte Transportfahrzeuge, Umladevorgänge, Wartezeiten, unbeheizte Zustellfahrzeuge. Verpackungen schützen vor mechanischen Schäden, nicht vor Kälte.
Viele Frostschäden werden erst Tage später sichtbar und dann fälschlicherweise der Pflege zugeschrieben.
Winterpause ist Fachwissen
Viele professionelle Staudengärtnereien und Baumschulen haben im Winter bewusst Pause. Was jetzt auf dem Tisch steht, kommt meist aus Gewächshäusern, damit wir als Kunden immer etwas zu kaufen haben. Stauden und Bäume machen sind jetzt in Winterruhe.
Winter ist ein Bereich im System. Sehr schön ist das auf der Phänologischen Uhr im Phänologischen Kalender zu sehen. Im Übrigen wird der Winter immer kürzer.
Verantwortung beginnt vor dem Kauf
Was ich mir wünsche, sind mehr solcher Hinweise wie dieses Schild und Gedanken, die diesen Hinweis weiter denken. Natürlich nicht nur bei Frost sondern überall dort, wo lebende Systeme verkauft werden.
Denn echte Nachhaltigkeit beginnt nicht beim Recycling des Blumentopfes oder wenn Kartoffeln in Erdsäcke gesetzt werden. Nachhaltigkeit beginnt bei der Frage: Ist jetzt der richtige Zeitpunkt?
Manchmal lautet die Antwort (leider): Nein.
Und manchmal fühlt sich genau diese Antwort überraschend gut an, weil dann der Fokus auf etwas anderes gerichtet werden kann. Zum Beispiel auf einen schönen Spaziergang durch den Winter oder etwas Gemütlichkeit zu Hause.
Genau so halten wir es auch im Garten-Jahreskreis. Jetzt ist Pause: Keine Aufgaben, kein Nachholen, kein Vorziehen, keine Treffen, kein Huzzeln. Wir lassen den Winter Winter sein und treffen uns im März wieder. Dann, wenn das Licht zurückkommt, wenn sich etwas hebt, wenn die Tage wieder länger werden und der Garten ganz von selbst anfängt. Ich freue mich schon drauf!
Wenn Dich jetzt trotzdem die Lust auf Grün packt
Nun könnte es natürlich sein, dass Du dennoch Lust auf Grün hast. Bringt es Dir etwas, wenn ich sage: „Gedulde Dich noch ein wenig?“
Schau mal, diese Aktionen können Deine grüne Unruhe eventuell etwas regulieren:
- vorhandene Pflanzen neu platzieren
- Blätter abstauben
- Winterlicht beobachten
- Zweige mit Knospen ins Haus holen
- mit Wasser und Glas arbeiten
- Töpfe und Gefäße sichten
- Gedanken fürs Gartenjahr sammeln
Manchmal reicht das um später klar und gezielt Pflanzen einzukaufen. Viel Spaß beim Neuerfinden von Grün.

