Ich staune jedes Jahr, wie ungeduldig manche loslegen. Kaum scheint die Sonne, wird schon gesägt, gehämmert, gefegt. Ich kann das gar nicht. Wenn ich im Garten bin, gehe ich zuerst neugierig durch die Beete und suche. Ich suche die ersten Anzeichen, dass etwas überlebt hat. Zwischen den trockenen Halmen vom Vorjahr zeigen sich kleine grüne Röhren des Schnittlauchs, woanders die Zitronenmelisse mit ihren etwas blasig verschrumpelten Blättern, die schon wieder duften, wenn ich leicht drüberfahre. In solchen Momenten freue ich mich.

Freude ohne Ernte
Es ist erstaunlich, wie viel Freude in diesen Momenten steckt obwohl dort im Grunde „nichts“ ist: Nichts ist fertig, nichts kann man ernten, kein Blatt richtig entwickelt… und trotzdem dieses Gefühl von Zufriedenheit. Vielleicht liegt es daran, dass das Leben einfach weitermacht, egal ob ich gerade etwas tue oder nicht. Vielleicht ist es auch eine Art Erleichterung.
Warum das erste Grün guttut
Studien zeigen, dass schon der Anblick von frischem Grün entspannend wirkt und gut für unser Wohlbefinden ist. Das erste Grün bedeutet: Alles steht wieder auf Anfang. Rainer Brämer schreibt in vielen Facetten über Grün tut uns gut – Daten und Fakten zur Renaturierung des Hightech-Menschen
Der Soziologe Hartmut Rosa nennt dieses Erlebnis „Resonanz”. Das ist eine Form der Verbindung mit der Welt, die nicht aus Kontrolle und höher-schneller-weiter entsteht. Wenn Du 10 Minuten Zeit hast, sieh Dir die Challenge bei SRF Kultur an.
Im Garten zeigt sich das besonders deutlich. Wir tun wenig, und doch passiert etwas.
Beobachten statt eingreifen
Im naturnahen Garten gehört dieses Geschehen zum Wesentlichen. Vieles lässt sich gut beobachten, manches bleibt anfällig, anderes kommt zuverlässig wieder. Diese Beständigkeit macht ruhig.
Wenn Du tiefer verstehen möchtest, was ein naturnaher Garten eigentlich ist und was er bewusst nicht ist, findest Du hier die Grundlage dazu: Was ist naturnahes Gärtnern – und was ist es nicht?
Der Psychoanalytiker Erich Fromm beschrieb solche Momente als „Sein” – Freude, die aus Wahrnehmen entsteht, nicht aus Besitz, was für ein kluger Mann!
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum diese frühen Gartengänge so guttun: Hier geht es nicht um schnell, schnell. Es geht irgendwie um etwas anders.
Verbindung durch Beobachtung
Auch Naturpädagoginnen betonen, dass solche einfachen Beobachtungen Verbindung schaffen und Stress mindern. Sogar im Städtegrün ist dieser Ansatz mittlerweile angekommen: Biodiversität und psychische Gesundheit
Und so schlendere ich durch den Garten. Sammle mit dem Herzen grüne Momente. Mein Puls fährt runter, meine Atmung wird weicher und friedlicher. Und ich komme nicht umhin: Ich verlasse lächelnd den Garten, auch wenn ich „nichts“ gemacht habe.

