Wenn ich an meinen Großvater denke, denke ich an seine Größe und seine großen Hände. Für mich war er immer eher still und bedacht. Ja, bedacht ist das richtige Wort, wenn ich an ihn denke. Nur wenn es um Gottes Worte und Lebensweisheiten ging, dann war er ein Mann der großen Worte. Er war Elektroingenieur und leitete den Posaunenchor der Gemeinde. Ach ja, und er liebte die Berge.
Sein Garten war ordentlich, fast streng angelegt, und doch hatte er für mich als Kind immer etwas Unfertiges. So, als wäre er nie wirklich abgeschlossen, wenn wir dort ankamen. Es war ja auch immer vor der großen Erntezeit, weil die Berliner Sommerferien immer so früh waren.
Ein aufgeräumter Garten
Der Garten war irgendwie immer sehr aufgeräumt, so wie das eben in Franken so üblich ist. Der Rasen war gepflegt, aber voll mit Moos. Dazwischen wuchsen unzählige Gänseblümchen, an die ich mich heute noch erinnere. Richtig viele Gänseblümchen!
Es gab Johannisbeersträucher, deren Früchte aber nie so recht süß wurden. Leider durften wir sie auch nicht gezuckert essen, das ist ja ungesund. Und es gab Bohnen, die wir manchmal ernten durften. Doch oft waren wir zu früh dran, genau so wie bei den Brombeeren, die auf der Nordseite der Garage wuchsen – wer pflanzt Brombeeren oder überhaupt Obst auf eine Nordseite?



Und dann war da der riesige Kirschbaum. Wir durften nicht hinein klettern, weil Kirschenholz angeblich zu schnell bricht. Also sind wir nicht an die Kirschen gekommen und die Stare haben sie sich alle weggeholt.
Technik
Mein Großvater war ja Ingenieur, und das spiegelte sich in seinem Umgang im Garten wider. Er war ordentlich, gehakt, offener Boden, damit alles schnell geklärt werden kann. Eine Wasserzisterne hat er zum Beispiel früh eingebaut, weil er wusste, wie wichtig Wasserversorgung ist. Für uns Kinder war sie jedoch streng verboten, weil die obersten Ziegel locker waren und die Gefahr bestand, hineinzufallen. Schon wieder ein Verbot, ja, hier war es eher streng.
Was sich Großvati im Garten dachte, weiß ich gar nicht. Er hat nicht viel darüber gesprochen, er hat es einfach gemacht.
Erinnerungen
Einige Details tauchen immer wieder in meiner Erinnerung auf.
- Die Schnecken: Zwischen den Beeten lagen lange Holzplanken. Darunter sammelten sich die Schnecken, die dann abgesammelt wurden. Was danach mit ihnen geschah, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall habe ich gelernt: Feuchtes Holz sind Nacktschneckensammelstellen
- Der Kompost: Es gab einen Kompost, aber ich weiß nicht, wie er ihn nutzte. Dafür waren wir zu selten dort. Er stand hinten in einer Ecke, etwas schief und gar nicht ingenieurlike. Aber er war ihm wichtig, das weiß ich noch.
- Die Nachbarn: Wirklich viel Kontakt zu den Nachbarn gab es nicht, dort spielten auch keine Kinder. Nur eine Dame saß immer am Balkon und hat uns beobachtet. Das ist mir jetzt noch unangenehm.
- Rhabarber: Hinten vor der Thujahecke wuchs Rhabarber. Für mich als Kind war das etwas Besonderes: großblättrig, kräftig, fast ein bisschen exotisch. Auch hier wurden wir angehalten, vorsichtig zu sein.
Seine Frau und der Alltag
Meine Großmutter war mit diesem Garten nicht so sehr verbunden, glaube ich zumindest. Ich will meinen, sie hätte gar keinen Garten gebraucht. Sie hatte es mehr mit den Hauspflanzen auf dem Fensterbrett, weniger mit den Beeten draußen. Auch Einkochen oder Kochen war nicht ihre Leidenschaft – nur hat sie da die Rechnung nicht mit Großvati gemacht: Als sich meine Großeltern kennen lernten, merkte sie, wie gerne er Marmelade aß. Da hat sie dann hochgerechnet, wie viele Gläser sie im Jahr einkochen müsste, um seinen Bedarf zu decken. Das Ergebnis gefiel ihr gar nicht, denn Großvati liebte Marmeladenbrote. Also eher Marmelade mit ein bisschen Brot mit Butter darunter. Trotzdem gehörte es dazu: Er aß seine Marmeladenbrote, und sie sorgte dafür, dass die Gläser im Regal standen.
Und es gab Kohlrabi, gedünstet. Noch jetzt rieche ich sie. Die kann man aber auch nur essen, wenn man sie in viel Kartoffelbrei versteckt! Dafür war das eingebrockte Brot morgens eine Delikatesse! Manchmal lasse ich jetzt noch würziges Brot extra trocken werden, damit ich es mir als Soulfood in warmer Milch mit braunem Zucker wieder einweichen kann.
Sein Bruder
Ein wichtiger Gegenpol war sein Bruder. Er war lebendig, erzählte viel, war voller Begeisterung für Pflanzen und Sorten. Er hätte gerne Förster werden wollen, wurde aber Straßenbahner. So war die Zeit damals eben. Trotzdem war er ein leidenschaftlicher Pomologe, der Apfelsorten am Geruch oder Geschmack erkannte. Er gärtnerte nach ganz anderen Prinzipien, war nah an der Demeter-Kultur, mischte Kulturen, arbeitete nach Kreisläufen. Von ihm habe ich viel gelernt, und er hat mich stark geprägt. Während mein Großvater also eher konventionell und zurückhaltend gärtnerte, war sein Bruder ein Türöffner für eine andere Art des Denkens über Natur und Garten.
Der Winke
Wobei ich bei Großvati auf die ersten Winke-Heftchen gestoßen bin. Der Winke ist die erste Zeitschrift für den Biogärtner. Das gab es im Haushalt meines Großvaters. Also muss er sich schon auch irgendwie damit beschäftigt haben, nur nicht so intensiv wie sein Bruder.
Später, im Gartenbaustudium, durfte ich zwei Wochen bei den Benediktinerinnen im Kloster Fulda mit im Garten werken. So tolle Frauen, die den Garten so klug, lebendig und nachhaltig bewirtschaften. Schwester Christa ist selber Gartenbauingenieurin und hat viel von ihrem Wissen weiter gegeben. Es lohnt sich auf jeden Fall den Klostergarten bei einem Tag der Offenen Türe zu besuchen!

Berge statt Beete
Dafür verbinde ich mit Großvati selbst die Natur weniger im Garten als vielmehr in den Bergen. Er hat uns auf lange Mehrtageswanderungen mitgenommen. Das bedeutet oft von frühmorgens raus, dann waren wir die ersten an der nächsten Hütte, wo erst alle aufwachten. Diese Freiheit, die er uns, meinem Bruder und mir schenkte, mit diesen Touren schenkte, ist für mich sehr wertvoll. Ich glaube, weil es sich als Kind so normal angefühlt hat, so die Welt zu erleben.
Dabei lief er immer in seinem eigenen Rhythmus, ruhig, stetig, wie ein Uhrwerk. Die Pausenzeiten wurden keine Minute zu lange gemacht.
Der Garten mit Ordnung und Distanz
Wenn ich so darüber nachdenke, war der Garten meines Großvaters ein Selbstversorgergarten mit Gemüse, Obst und ein paar Blumen. Allerdings war er kein Ort voller Nähe oder Fülle. Hier ging es eher um Ordnung und Strenge. Das liegt aber sicher auch an der sonst strengen protestantischen Grundeinstellung zum Leben. Ich kann ihn nicht mehr fragen, was er beim Arbeiten im Garten dachte. Vielleicht war es einfach seine Art, Dinge zu tun, weil sie auch einfach nicht in Frage gestellt werden.
Auf jeden Fall bin ich froh und dankbar um diese gärtnernden Familienmitglieder, die mich mit geprägt haben.
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